Versuch einer Interpretation
zuletzt überarbeitet 03.11.2017

 

Wenn wir auf der Straße spontan mit dieser Frage konfrontiert würden, hätten vermutlich die meisten von uns Schwierigkeiten, aus dem Stand heraus eine adäquate Antwort zu geben. Machen Sie ruhig mal den Selbstversuch.

Vor 500 Jahren, also zur Zeit, als Christoph Kolumbus Amerika entdeckte, sagte ein berühmter Arzt und Heilkundiger dieser Zeit, Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, zu diesem Thema:

„Gesundheit ist Ausgeglichenheit.
Krankheit ist Störung der Harmonie, der Ordnung,
ein aus dem Maß Herausgehen.“

Ein für den medizinisch-fachlichen Kenntnisstand der damaligen Zeit erstaunlich ganzheitlicher Ansatz, der jedoch die kommenden Jahrhunderte das ärztlich-medizinische Handeln in Diagnostik und Therapie  prägen sollte.

Etwa 400 Jahre später, um 1860 postulierten zwei andere Mediziner, Dr. Robert Remak, Neurologe, Physiologe und Zoologe, und Prof. Rudolf Virchow, Chirurg an der Berliner Charité:

„Krankheiten sind Schäden an einzelnen Zellen,
die repariert oder entfernt gehören,
damit der Körper richtig funktioniert.“

Damit begann die Ära der Zellular-Pathologie. Als Krankheitskonzept ersetzte sie die zuvor seit der Antike gültige, mehr ganzheitlich ausgerichtete Humoral-Pathologie (auch: Vier-Säfte-Lehre) und war damit für eine bis heute andauernde umfassende Neuprogrammierung der Vorstellung von Krankheitsentstehung und Krankheit verantwortlich. Der Mensch war ab sofort eine Maschine, deren Einzelteile man je nach Erfordernis reparierte, entfernte, später auch austauschte, um ein weiteres Funktionieren zu gewährleisten.

Fragte man bislang nach dem „Warum – ist eine Erkrankung entstanden?“ und handelte damit Ursachen-orientiert, änderte sich dies unter der neuen Sichtweise der Zellular-Pathologie fundamental.

Die Frage jetzt war „Wie behandeln wir kranke Zellen  – reparieren? – entfernen?

Man orientierte sich am Symptom, dem Defekt, die Ursache dafür rückte in den Hintergrund. Und so funktioniert die Medizin bis in die heutige Zeit: ein Symptom (Warnzeichen)wird präsentiert (Pat. an Arzt), ein Symptom (Defekt) wird beseitigt (Arzt an Pat). Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Medizin der „Gegen“wart: sie handelt „gegen“ ein Symptom, sie re-agiert auf:

  • zuviel Zucker im Blut:                   Anti-diabetika,
  • zuviel Druck im Blutgefäß:        Anti-hypertonica,
  • zuviel Schmerz im Körper:        An(ti)-algetika,
  • zuviel Entzündung:                        Anti-biotika.

Heilung ist von untergeordneter Bedeutung. Hauptsache, das Symptom ist beseitigt. Man spürt seine Erkrankung nicht mehr und denkt, man ist wieder gesund. Welche Illusion!

Jetzt weiß man auch, warum Ärzte als die großen Magier bezeichnet werden…..!

Nun, ein bisschen gemein, doch vielleicht für uns Mediziner auch ein Anstoß zum Reflektieren über das eigene berufliche Tun. Dabei helfen könnte denn auch, was die oberste Gesundheits-Instanz dieses Planeten, die World Health Organisation (WHO) 1948 zu diesem Thema postulierte:

„Gesundheit  ist ein Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens, nicht bloß Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen.“

Da ist er wieder, der ganzheitliche Ansatz! Doch dieser Ansatz, der in einer zivilisatorisch weit weniger entwickelten Epoche bereits formuliert, über fast 400 Jahre Bestand hatte, wurde jetzt in einer hoch-technisierten, digitalisierten Welt umgehend kritisiert als ein viel zu hoher Anspruch, der „zu schwer zu verwirklichen“ sei. Und als ob sie diese Einwände vorausgeahnt hätte, erweiterte die WHO im nächsten Satz ihr Postulat:

„Der Besitz des bestmöglichen Gesundheits-Zustandes ist eines der Grundrechte eines jeden menschlichen Wesens ohne Unterschied der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.“

Damit wird der Medizin deutlich der Weg vorgegeben heraus aus der unheilvollen mechanistischen Handlungsweise; heraus aus der Symptom-zentrierten „Gegen“-wart und hinein in eine Zukunft mit wieder mehr Focus auf Gesundheit und Heilung.

Nicht „Anti-Biotika“, gegen das Leben, sondern „Pro-Biotika“, für das Leben:

Pro-phylaxe, Pro-Biotika, ja auch „Pro-sit“, was aus dem lateinischen übersetzt soviel heißt, wie „Es möge nützen“. Ein gelegentliches Glas Rotwein am Abend zur Entspannung vom Stress und der Hektik des Tages kann mit seinen wertvollen Inhaltsstoffen in der Tat viel zur Regeneration und Gesunderhaltung beitragen.

Kritischen Stimmen bezgl. Alkohol sei an dieser Stelle gesagt, „die Dosis macht das Gift“, die Rede ist von einem Glas, nicht einer ganzen Flasche oder gar einem Faß.

Pro-phylaxe (gr., prophylásso, „von vornherein ausschließen“) und Prä-vention (lat., praevenire „zuvorkommen“, „vorausschauen“) dürfen nicht nur medienwirksame Lippenbekenntnisse sein. Sie müssen den ihnen zustehenden Stellenwert und den damit verbundenen effektiven Inhalt bekommen. Nur auf diese Weise läßt sich

  • Gesundheit pflegen und erhalten,
  • der Krankheit zuvorkommen  („vorausschauen“),
  • die Ausbreitung von Krankheit verhindern.

Arzt sein heißt, dem Menschen zugewandt sein, nicht dem Symptom. Heißt auch, für den Erhalt der Gesundheit agieren, nicht bloß auf Krankheiten re-agieren.

Gleichzeitig müssen Sie, verehrte Leserin und verehrter Leser, erkennen, daß Sie ihre Gesundheit aktiv mitgestalten müssen.

Jeder von uns trägt für seine Gesundheit selber die Verantwortung, eine Verantwortung, die uns kein Arzt, kein Apotheker, kein Physiotherapeut, keine Krankenkasse, kein Pharmaunternehmen abnehmen kann.

Präventions-Sprechstunde: 06221-38 38 98